Zugang zur Psychotherapie vereinfachen – Ja oder Nein?

Die Hälfte aller in der Schweiz lebenden Personen erkrankt mindestens einmal im Leben an einer psychischen ­Störung. Viele zahlen eine Psycho­therapie selber oder ver­zichten darauf, weil sie es sich nicht leisten können. Die Kosten psychologischer Leistungen werden von der Grundversicherung (OKP) nur übernommen, wenn sie unter Aufsicht und in den Räumlich­keiten eines Arztes erbracht werden. Der Bundesrat will diese Regelung lockern. Krankenversicherungen sollen künftig die Kosten für eine Psychotherapie bei einer Psychologin oder einem Psychologen übernehmen, wenn eine Therapie ärztlich verordnet wurde. «Durch die Umstellung vom Delegationsmodell auf das Anordnungsmodell können Versorgungsengpässe bei Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen in Krisen und Notfallsituationen reduziert werden», so der Bundesrat.

JA

Yvik Adler, Co-Präsidentin der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP)

«Mit dem Wechsel zum Anordnungsmodell wird eine Hürde beseitigt, die bisher vielen Menschen den Zugang zu ambulanter Psychotherapie verwehrt hat. Wer seine Therapie nicht selbst bezahlen kann, muss im Delegationsmodell lange Warte­fristen in Kauf nehmen. Das hat für die Betroffenen und für die Gesellschaft weitreichende Folgen. Wenn psychische Krankheiten nicht frühzeitig behandelt werden, führt dies zu Chronifizierung und zu teuren stationären Aufenthalten in Kliniken. Auch Arbeitsausfälle sind die Folge, was die Wirtschaft Milliarden ­kostet. Der Systemwechsel ist der richtige Weg, um diese Folgekosten zu senken.»


NEIN

Pierre Valon, Präsident FMPP – Dachverband der psychiatrisch-psychotherapeutisch tätigen Ärztinnen und Ärzte der Schweiz

«Die FMPP warnt vor der vorgeschlagenen Ausgestaltung des Anordnungsmodells. Zum einen droht eine Mengenausweitung, denn die Indikation zur Psychotherapie kann künftig durch Ärzte ohne spezifische Kenntnisse gestellt ­werden. Dazu wird die Zahl der Psychologen ansteigen, da Reglementierungen wie Numerus clausus oder Zulassungsstopp fehlen. Zum anderen will der Bundesrat damit den Zugang zur Psychotherapie für Schwerkranke und Menschen in Krisensituationen erleichtern. Psychologen haben aber zu wenig klinische Erfahrung in der Behandlung von schweren psychischen Erkrankungen. Eine Psychotherapie ist nur ein Baustein im Behandlungsspektrum, die psychische Versorgung beinhaltet weit mehr.»

Ein Kommentar über “Zugang zur Psychotherapie vereinfachen – Ja oder Nein?

  1. JA! Denn es reicht mit all den abwertenden, auf Halbwissen beruhenden Meinungen, zur Arbeit von psychologischen Psychotherapeut*Innen!

    Es gilt richtig zu stellen:
    Der Bundesrat will ausschliesslich jenen psychologischen Psychotherapeut*Innen den Zugang zur Grundversicherung ermöglicht, die über eine eidgenössische Anerkennung verfügen.
    – In keinem andern Beruf müssen ausgebildete, mit Hochschulabschluss und zusätzlichem Fachdiplom versehene, lebens- und berufserfahrende Fachleute, in der Position von Auszubildenden verharren, wenn sie ihre Arbeit nicht von der Willkür der Zusatzversicherungen abhängig und somit für viel Kranke unerschwinglich halten wollen.
    – Punkto Weiterbildung besteht heute schon kein Unterschied zwischen psychologischen und ärztlichen Psychotherapeut*Innen. Es sind je 80h/Jahr, die beide nachweisen müssen.

    Damit Psycholog*Innen mit Hochschulabschluss die eidgenössische Anerkennung erhalten, benötigen sie eine ca. 5-jährige, zeit- und kostenintensive Ausbildung in Psychotherapie, incl. einem Jahr Klinikerfahrung. Diese Ausbildung lässt sich mit jener von Psychiater*Innen durchaus vergleichen. Auch legen psychologische Psychotherapeut*Innen eine Prüfung in Psychopathologie und Pharmakologie ab und wären damit fähig, sich in die Medikamenten-abgabe einzuarbeiten. – Allerdings würde dann die Menge der abgegebenen Medikamente wahrnehmbar schrumpfen.

    Wenn es um fachlich hochstehende Psychotherapie geht, sind die eidgenössisch anerkannten, psychologischen Psychotherapeut*Innen die Spezialisten, während ein grosser Teil der ärztlichen Psychotherapeut*Innen nie eine fundierte Therapieausbildung abschliesst.

    «In Delegation»
    Die Ausbildungsanforderungen waren damals nicht definiert. Die Delegation wurde als Übergangslösung geschaffen in der Meinung, so zu unterscheiden zwischen Spreu und Weizen. Damals war der delegierende Arzt alleine durch seinen Arzttitel dazu berechtigt, irgendjemanden in Delegation anzustellen.
    Auch heute noch braucht ein Arzt keinen Psychiatrieabschluss, um zu delegieren.
    Nicht nur lernende, auch voll ausgebildete Psychotherapeut*Innen sind leider auf solche Anstellungen angewiesen, wenn sie ihre Leistungen für Grundversicherte anbieten wollen.

    Um dieser Ungerechtigkeit zu entgehen, wechseln viele berufs- und lebenserfahrene Psychotherapeut*Innen mit zunehmender Erfahrung und Bekanntheit in die Selbständigkeit. Das bedeutet jedoch, dass sie nur für Selbstzahlende und Unfallpatient*Innen eine Anlaufstelle sein können. Alle anderen psychisch Kranken müssen sich anderswo nach einem geeigneten Therapieplatz umsehen. Es ist eine Glückssache, wo sie landen, die Auswahl ist klein.
    Doch, ob jung oder lebenserfahren, als Klient*In wünschen sich beide verstanden zu werden und Heilung zu finden. Dazu braucht es erfahrende Psychotherapeut*Innen oder eben Lernende, die in ein gutes Mentoringsystem eingebunden sind. In der Realität sind im Delegations-Modell viele Lernende auf sich alleine gestellt.

    Ist das der Grund, warum so schnell fast 100’000 für einen Systemwechsel unterschrieben haben? Diese Unterschriften bezeugen, dass die Arbeit von psychologischen Psychothera-peut*Innen wahrgenommen und nachweislich gute befunden wird und deshalb ein normaler Zugang zu deren Arbeit erwünscht ist.

    Seit 2013 besteht ein neues, bis ins Detail ausgearbeitetes Gesetz der Psychologieberufe (Psy-Gesetz), welches auf die Bedürfnisse von psychisch Kranken eingeht und der Zweiklassenmedizin entgegenwirkt. Doch dessen Anwendung lässt auf sich warten.
    Was soll falsch sein, wenn ärztliche und psychologische Psychotherapeut*Innen einander gleichgestellt werden? Das ist doch ganz im Sinn der Wirtschaft: dann kann der Wettbewerb im Gesundheitswesen auch hier spielen.
    Was ist der Grund, dass sich einzelne Psychiater*Innen-Kreise so vehement wehren, dass Kranke eine Wahlchance bekommen?

    Eines ist sicher, durch die Anwendung des neuen Psy-Gesetzes – sei es durch Überweisung oder ganz freie Methoden-Wahl durch die psychisch Kranken – wird eine von Seite der psychologischen Psychotherapeut*Innen ins Auge gefasste Lancierung einer Initiative obsolet!

    Lic. phil. Meret Fankhauser
    eidg. anerkannte Psychotherapeutin

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